Erlernen falscher Gesangstechnik, Langzeitfolgen und Heilung
In meinem Gesangstudio in Bremen begleite ich seit einigen Jahren eine Sängerin, die sich seit früher Kindheit mit klassischem Gesang beschäftigt. Als wir uns kennenlernten, war sie Mitte dreißig. Sie hatte ein Hochschulstudium abgeschlossen und im Anschluss mit verschiedenen Gesangslehrern gearbeitet – in der Hoffnung, endlich stimmlich anzukommen.
Ihre Ausbildung hatte sie konsequent ins Sopranfach geführt. Ein Lehrer empfahl Koloraturarien, ein anderer russisches Repertoire, wieder ein anderer lyrischen Mozart. Doch keiner dieser Wege brachte die erhoffte Stabilität. Als ich ihre Stimme zum ersten Mal hörte, begegnete mir eine eigentlich sehr belastbare, klanglich eindrucksvolle Stimme – allerdings in einem Zustand, der sie an den Rand der Zerstörung geführt hatte.
Unsere erste Stunde war geprägt von großer Unsicherheit. Die Sängerin begegnete mir mit spürbaren Selbstzweifeln und der Hoffnung, endlich verstanden zu werden. Wir begannen mit einfachen Übungen, und schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, wie sehr ihr Gesang von über Jahre erlernten Fehlmustern geprägt war.
Bereits bei der Einatmung verkürzten sich Nacken-, Hals- und Schultermuskulatur so stark, dass dem Stimmapparat jede stabile Grundlage fehlte. Mit dem Einsetzen der Stimme blockierte die Rippenmuskulatur nahezu vollständig, während sich die Bauchdecke gleichzeitig nach außen drückte. Eine funktionale Atemführung war unter diesen Bedingungen nicht möglich.
Der Stimmbandschluss kam nur unter massivem Druck zustande. Der Kehlkopf drückte gegen die Zunge, die ihrerseits viel zu hoch im Rachenraum lag und die Artikulation verfremdete. Der Nacken kollabierte, der Kopf zog nach vorne und oben, der Kiefer verlor jede Stabilität. Unter dieser permanenten Gesamtspannung blieb dem weichen Gaumen kaum eine andere Möglichkeit, als nach vorne zu klappen – ein Symptom, das mich in dieser Ausprägung besonders irritierte.
Über viele Jahre hatte sich eine Gesangstechnik verfestigt, die der Stimme nachhaltig schadete. Die Folgen waren schnelle Ermüdung, Heiserkeit und ein Verlust an klanglicher Kontrolle. Textverständlichkeit, Phrasierung, musikalischer Ausdruck und dynamische Gestaltung waren kaum möglich. An stimmgesundes Singen war nicht zu denken.
Gleichzeitig konnte ich erahnen, welches Potenzial in dieser Stimme lag, wenn es gelänge, die ungünstigen Gewohnheiten zu lösen und das muskuläre Gedächtnis neu zu organisieren. Doch der permanente Atemdruck und der hochstehende Kehlkopf machten zunächst sogar eine verlässliche Stimmfachbestimmung unmöglich. Die Stimme war aus ihrem natürlichen Sitz gehoben, Registerübergänge verfälscht, Orientierung kaum gegeben. Eine sichere Repertoirewahl war unter diesen Umständen kaum realisierbar.
Um den inneren Druck zu reduzieren und erste positive Erfahrungen zu ermöglichen, einigten wir uns bewusst auf tieferes Repertoire. Bereits in der ersten Stunde entschied ich mich, mit grundlegenden Übungen der schwedisch-italienischen Gesangstechnik nach meinem Lehrer David L. Jones zu arbeiten und den Kiefer gezielt nach hinten zu führen. Dieser scheinbar kleine Schritt hatte eine überraschend große Wirkung: Zum ersten Mal seit langer Zeit blieb die Sängerin über eine gesamte 60-minütige Unterrichtseinheit hinweg heiserkeitsfrei.
Dieser Moment war entscheidend. Mit einer einfachen biomechanischen Veränderung gelang es, ein Symptom zu beseitigen, das sie über Jahre begleitet hatte. Es war jedoch nur der Anfang. Viele weitere Übungen und fein abgestimmte Anpassungen waren notwendig, um nach und nach zu einer stimmlichen Ausgeglichenheit zu finden.
Eine unausgebildete Stimme aufzubauen ist anspruchsvoll. Eine Stimme jedoch, die über Jahre fehlbelastet wurde, neu zu organisieren, stellt eine deutlich größere Herausforderung dar. Fehlmuster haben sich tief in das Muskelgedächtnis eingeschrieben und lassen sich nur mit Zeit, Geduld und Konsequenz umlernen.
Oft entsteht der Wunsch nach Veränderung erst nach einem langen Leidensweg. Dann sinnvoll in einen Heilungsprozess einzusteigen, ist für Sänger wie Lehrer gleichermaßen anspruchsvoll. Umso mehr bewunderte ich den Willen dieser Sängerin. Ein Kollege stellte in einem ähnlichen Zusammenhang einmal die einfache Frage: „Brennt das Feuer noch?“Für mich ist das die entscheidende Frage. Ihre Antwort legitimiert den mühsamen Weg aus einer stimmlichen Sackgasse.
Zum Abschluss ist ein weiterer Aspekt dieses Prozesses zu benennen. Die Sängerin brachte zu Beginn eine ausgeprägte Unsicherheit mit. Menschlich wie fachlich hatte sie in ihrer bisherigen Ausbildung wiederholt enttäuschende Erfahrungen gemacht. Haltung und Körpersprache deuteten beim ersten Zusammentreffen auf deutliche Vorbehalte hin. Die unmittelbare stimmliche Entlastung durch die Arbeit am Kiefer wirkte in diesem Zusammenhang stabilisierend und schuf die notwendige Grundlage, um im weiteren Verlauf auch an sensibleren Punkten arbeiten zu können.
Über zwanzig Jahre erlernte, stimmschädigende Muster hinter sich zu lassen und anzuerkennen, im falschen Fach ausgebildet worden zu sein, stellte einen erheblichen Einschnitt dar.
Heute arbeiten wir an einer ersten Demoaufnahme in ihrem neuen Fach als Mezzosopranistin. Der Weg dorthin war lang und von intensiver gemeinsamer Arbeit geprägt. Der stimmliche Neuaufbau erforderte Zeit, kontinuierliche Korrektur und eine sukzessive Schulung der Eigenwahrnehmung. Erst auf dieser Grundlage wurde es möglich, sich der eigenen Stimme neu anzunähern und sie funktional wie künstlerisch wieder verlässlich zu nutzen.
© Clemens Gnad